Jugendgewalt

Nimmt Jugendgewalt zu?

Der öffentliche Diskurs über Jugendgewalt wird von der Behaup­tung (und Befürchtung) bestimmt, dass diese immer stärker zunehme und zudem immer brutaler werde. Die immer gleichen Formulierungen sind bereits Anfang der 1970er Jahre nachzulesen. Dieses Bild entspricht jedoch nicht den Ergebnissen der krimino­logischen Forschung. Zwei Datengrundlagen stehen bei der Ein- schätzung von Jugendgewalt in Konkurrenz: Die Polizeiliche Kriminalstatistik und die Ergebnisse der kriminologischen Forschung, die auf Dunkelfeldstudien basieren.

Die Bund-Länder-Kommisson „Entwicklung der Gewaltkriminalität junger Menschen“ hat für die Herbstsitzung 2007 der Innenministerkonferenz eine Bestandsaufnahme der Situation der Jugendgewalt in Deutschland vorgelegt und kommt zu folgendem Ergebnis (Bund-Länder AG 2007, S. 5): „Die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) legen den Schluss nahe, dass die Gewaltkriminalität allgemein und insbesondere auch die Jugendgewaltkriminalität erheblich angestiegen sind. Die steigende Zahl unter-21-jähriger Tatverdächtiger ohne entsprechend steigende Bevölkerungszahlen könnte den Schluss zulassen, dass eine zunehmende Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung in dieser Altersgruppe festzustellen ist. Die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen ist dabei zwar gestiegen, jedoch im Verhältnis geringer als der Anstieg der deutschen Tatverdächtigen. Der Anteil der nichtdeutschen Tatverdächtigen ist damit zurückgegangen. Angaben zu Migrationshintergründen bei Tatverdächtigen sind aus der PKS nicht möglich.

Die PKS-Daten machen allerdings auch deutlich, dass mit den steigenden Zahlen registrierter Gewaltdelikte auch eine deutliche Zunahme des Opferrisikos einhergeht. Dabei sind insbesondere Jugendliche und Heranwachsende heute einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt, Opfer einer vorsätzlich, leichten, aber auch einer gefährlichen oder schweren Körperverletzung zu werden.

Die Ergebnisse der kriminologischen Forschung zur Entwicklung der Jugendgewaltkriminalität führen allerdings zu einem anderen Ergebnis. Ausgehend von regionalen Dunkelfeldstudien unter bestimmten Altersgruppen, die in der Regel an Schulen befragt wurden, und ergänzenden Begleitstatistiken z.B. der gesetzlichen Unfallversicherung vertritt die kriminologische Forschung heute die Auffassung, dass die tatsächliche Gewaltkriminalität im Jugendbereich in den letzten 10 Jahren weder quantitativ noch qualitativ angestiegen sei. Vielmehr bewege sich die Zahl der tatsächlichen Delikte auf einem relativ konstanten Niveau. Verändert habe sich jedoch der Anteil der Delikte, der den Instanzen der formellen Sozialkontrolle, also auch der Polizei, zur Kenntnis gelange. Die kriminologische Forschung stützt diese Auffassung darauf, dass die befragten Altersgruppen sowohl hinsichtlich der Täterschaft als auch hinsichtlich der Opferwerdung übereinstimmend eher rückgängige bzw. gleich bleibende Zahlen angeben. Gleichzeitig scheine sich die Ablehnung von Gewalt durch junge Menschen zu verstärken.

Keine gesicherten Angaben Es sind derzeit keine gesicherten Aussagen zu den Fragen möglich, ob die Jugendgewaltkriminalität in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg zeigt oder nicht und wie sich dieser Phänomenbereich zukünftig entwickeln wird. Auch hinsichtlich der Schwere der Gewaltdelikte ist keine eindeutige Aussage möglich. Die PKS weist verschiedene Indikatoren für eine zunehmende Intensität der Delikte auf, z.B. den Anstieg der gefährlichen und schweren Körperverletzungen. Auch aus der polizeilichen Sachbearbeiterpraxis wird eher der Eindruck berichtet, die Gewalttaten nähmen auch an Intensität zu. Die kriminologische Forschung hingegen sieht auch hier keine Belege für eine zunehmende Brutalisierung.
Bund-Länder AG „Entwickung der Gewaltkriminalitätjunger Menschen mit einem Schwerpunkt auf städtischen Ballungsräumen“. Bericht zum IMK-Herbstsitzung 2007. Berichtsstand 16. November 2007, S. 5
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Jugendgewalt

Den Anstieg der registrierten Delikte führt die kriminologische Forschung überwiegend auf eine gestiegene Anzeigebereitschaft zurück, die sich aus einer sinkenden Toleranz gegenüber auch jugendtypischen körperlichen Auseinandersetzungen und einer vermehrten Inanspruchnahme formeller Konfliktlösungsinstanzen statt informeller Konfliktlösungen ergibt (Bund-Länder AG 2007, S. 5). Baier und Pfeifer kommen in ihrer 2009 vorgelegten repräsentativen Untersuchung von 15-Jährigen zu der Feststellung: „Zur Entwicklung der Jugendgewalt zeigen die Befunde der Dunkelfeldforschung seit 1998 insgesamt betrachtet eine gleichbleibende bis rückläufige Tendenz“ (Baier/Pfeiffer 2009, S. 10).

Sichtbarer: Die Straftaten junger Menschen werden deswegen überproportional häufig amtlich registriert, weil sich viele ihrer Delikte mehr als diejenigen der Erwachsenen in der öffentlichkeit abspielen (Straßenkriminalität, Drogenkriminalität), sichtbarer sind, die Ausführung ihrer Delikte naiver und die Straftat damit leichter zu entdecken ist, und dass junge Menschen schließlich von den Strafverfolgungsorganen leichter überführt werden können.
Werner Maschke: Stimmt das Schreckgespenst von den „gewalttätigen Kids“? Kinder- und Jugenddelinquenz. In: Der Bürger im Staat, Heft 1/2003.

Polizeiliche Kriminalstatistik

  • Die Polizeiliche Kriminalstatistik ist eine Tatverdächtigenstatistik, keine Täterstatistik.
  • Der Anstieg der Tatverdächtigten wird mit einem Anstieg der Kriminalität gleichgesetzt. Es gibt jedoch eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Anzeigenstatistik und der Verurteiltenstatistik.
  • Verstärkte polizeiliche Ermittlungen in bestimmten Bereichen führen zu mehr Tatverdächtigen.
  • Nicht die Zahl der Delikte ist damit gestiegen, sondern das Dunkelfeld ist kleiner geworden. Es wird jetzt mehr wahrgenommen.
  • Das Anzeigenverhalten der Bevölkerung hat sich in den letzten Jahren verändert: Es werden jetzt verstärkt auch Bagatelldelikte angezeigt.
  • Interethnische Konflikte werden häufiger angezeigt als innerethnische.
  • Jugendkriminalität spielt sich im öffentlichen Bereich ab, Erwachsenenkriminalität vor allem im häuslichen bzw. sozialen Nahraum. Sie verbleibt deshalb im Dunkelfeld.
  • Die Polizeiliche Kriminalstatistik wird als Tatverdächtigenstatistik häufig primär als Arbeitsnachweis der Polizei gesehen, lässt aber nur begrenzte Aussage über das tatsächliche delinquente Verhalten zu.

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