Der Ansatz im Überblick

Basics der Gewaltprävention

Durch alle Bausteine dieses Handbuches ziehen sich bestimmte Basics der Gewaltprävention. Diese sind u.a.:

Der Komplexität gerecht werden
Gewaltprävention und der Umgang mit Gewalt bedeuten Umgang mit Komplexität. Komplexe Probleme lassen sich nur lösen, wenn die ganze Organisation lernt und nicht nur einzelne Lehrkräfte oder Eltern. Dies ist eine zentrale Einsicht des Netzwerklernens und der Organisationsentwicklung. Deshalb:

  • systemisches Denken statt vorschneller kausaler Bezüge;
  • gemeinsam handeln statt isolierter Verhaltenssteuerung;
  • von anderen lernen statt alles neu (er)finden zu müssen;
  • kollektives Lernen, indem Verantwortung für das größere Ganze übernommen wird statt individualistischer Ansätze;
  • Einbeziehen außerschulischer Organisationen und Partner statt Beschränkung auf schulische Maßnahmen und Veranstaltungen.

Verhalten und Verhältnisse im Blick haben
Verhaltensorientierte Ansätze sind wichtig, doch sie allein reichen bei weitem nicht aus. Oft sind es auch die Umstände oder die Verhältnisse, die das unliebsame Verhalten hervorbringen oder stabilisieren. Hier muss der Blick geöffnet und geschärft werden für notwendige Veränderungen im Umfeld.

Die Sprache der Gewalt lesen lernen
Diagnostische Kompetenzen sind notwendig, um die Sprache der Gewalt (Opfersignale ebenso wie Gewaltbotschaften) wahrnehmen und verstehen zu können. Gewalt als Kommunikationsform macht auf individuelle und kollektive Probleme aufmerksam – nicht direkt und offen, sondern verdeckt und symbolisch. Ansatzpunkt für Gewaltprävention sollten deshalb die Probleme sein, die Jugendliche haben, nicht die, die sie machen, meint Gunter A. Pilz. Und Reiner Steinweg formuliert die zentrale Frage der Gewaltprävention so: „Was brauchen Jugendliche, damit sie Gewalt nicht brauchen?“.

Differenzierungen vornehmen
Differenzierungen sind wichtig. Trotz vieler Gemeinsamkeiten von Gewalthandlungen sind sie doch, was ihre Formen und Schwere betrifft, sehr unterschiedlich. Das Instrumentarium für Prävention und der Umgang mit Gewalt muss für jede Einrichtung, für jede Altersgruppe sowie auch für Jungen und Mädchen spezifisch entwickelt werden.

Risikofaktoren kennen und begrenzen
Risikofaktoren zu kennen, die Aggression und Gewalt auf individueller, familiärer, gruppen- und gesellschaftlicher Ebene fördern und diese so weit wie möglich zu reduzieren und zu begrenzen ist das zentrale Anliegen.

Ressourcen- und resilienzorientiert vorgehen
Selbstwertfühl aufbauen und positive Identitäten entwickeln zu können sind ressourcenorientierte Zugänge, die Jugendliche auch im schulischen Kontext Selbstwirksamkeit erfahren lassen und ihnen verdeutlichen, was sie können. Die Resilienzforschung hat gezeigt, wie sich Kinder und Jugendliche trotz widriger Umstände positiv entwickeln können. Diese Schutzfaktoren müssen systematisch in Ansätze der Gewaltprävention aufgenommen werden.

Medien einbeziehen
Obwohl immer gefordert, sind erstaunlicher Weise medienpädagogische Ansätze im Kontext der Gewaltprävention unterrepräsentiert. Konstruktive Ansätze für Medienpädagogik sind wichtig und zentral. Der Umgang mit Medien und die Auseinandersetzung mit Gewalt in Medien kann nicht durch eine „Bewahrpädagogik“ erlernt werden.

Gewaltfreiheit als Norm
Ein Risikofaktor für gewalttätiges Verhalten sind die Normen der Gewaltakzeptanz in den jeweiligen jugendlichen Bezugsgruppen (Peers), aber auch die unklare Haltung der Gesellschaft zur Gewalt. Deshalb ist es für Gewaltprävention wichtig, Gewalt konsequent zu verurteilen und Alternativen vorzuleben. Ein Problem dabei ist, dass Gewalt in keiner Gesellschaft prinzipiell verboten und tabuisiert ist, sondern dass immer unterschieden wird zwischen guter und schlechter sowie zwischen legitimer und illegitimer Gewaltanwendung (im gesellschaftlichen und internationalen Bereich), häufig verbunden mit der Frage der Machtausübung und Machterlangung.

Die Schulebene berücksichtigen
Kern der Schule ist der Unterricht. Aber Schule ist mehr als Unterricht. Deshalb genügt es auch nicht, Gewaltprävention nur und ausschließlich auf der Unterrichts- und Klassenebene zu verankern. Schule ist ein eigenständiger Lebensraum für Schülerinnen und Schüler sowie für die Lehrkräfte. Die Berücksichtigung der Schulebene weist auf die Dimension von gemeinsam verantworteten und gelebten Werten und Normen, der demokratischen Gestaltung des Schullebens und der Entwicklung einer „guten Schule“ hin.

Auf der Klassenebene arbeiten
Die Klasse ist der soziale Lebensraum für die Schülerinnen und Schüler. Das Geschehen in der Klasse entscheidet wesentlich über Lernmotivation und Lernerfolg, aber auch über das Erleben des sozialen Miteinanders. Moderne Didaktik vernetzt verschiedene unterrichtliche Aspekte miteinander und fördert ein ganzheitliches handlungsorientiertes Lernen. Die Klasse entwickelt dabei ein eigenes Instrumentarium der Konflikt- und Problembewältigung. Gleichzeitig ist die Klasse auch der Rahmen und der Lernort für die Bewältigung einer Vielzahl von Konflikten und Problemen.

Die einzelnen Schülerinnen und Schüler im Blick haben
Jugendliche sind nicht Objekte von pädagogischen „Maßnahmen“, sondern gestalten selbst und übernehmen die Initiative und Verantwortung. Vielfältige Angebote und Materialien sollen Jugendliche unterstützen, ihre kommunikativen Fähigkeiten auszubauen, sozial kompetenter zu werden, Gewalt sensibel wahrzunehmen und zivilcouragiert zu handeln.

Dies kann nicht alleine durch Lehr- und Lerneinheiten erreicht werden, sondern nur in Kombination mit der Modellfunktion von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sowie einer entsprechenden Gestaltung des Schullebens.

Es geht unter diesem Aspekt primär um die einzelnen Schülerinnen und Schüler, die es zu fördern und in ihrer Entwicklung zu unterstützen gilt. Individuelle Hilfe bei (Entwicklungs- und Schul-) Problemen, Unterstützung beim Erlernen zentraler Werte und Normen, von sozialem Verhalten und beim Umgang mit Aggression und Gewalt, haben sich als wichtige Teilbereiche der Gewaltprävention bewährt.

Lehrerinnen und Lehrer qualifizieren und unterstützen
Für die oben beschriebenen Aufgaben und Anforderungen fällt den Lehrkräften eine Schlüsselrolle zu, in der sie initiierend, gestaltend und koordinierend tätig werden. Dies soll jedoch nicht nur instrumentell in Bezug auf die Umsetzung, die Unterrichtsgestaltung und das Verhältnis zu den Schülern und Schülerinnen geschehen, sondern auch reflexiv in Bezug auf die eigene Rolle in der Schule, das eigene Berufsverständnis und eigene Reaktions- und Verhaltensmuster – besonders, was Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention betrifft. Lehrkräfte und Eltern sind im pädagogischen Prozess pri­mär auch Modell und Vorbild. Von besonderer Bedeutung ist das Engagement der Schulleitung. Gewaltprävention muss Chefsache sein, wenn sie gelingen soll.

Bildung als Schlüssel: Bildung ist ein Schlüsselfaktor, der in der Lage ist den Teufelskreis der Gewalt nicht nur zwischen Kindern, sondern auch unter Erwachsenen zu durchbrechen. Sie kann Kinder sowohl dazu ermutigen sich selbst und andere zu respektieren, als auch ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und für das, was sie möchten, einzutreten, ohne physische oder psychische Gewalt anzuwenden.
United Nations: World Report on Violence against Children. Geneva 2006, S. 153.

Eltern einbeziehen
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Antigewaltprogramme und Trainingsprogramme zum prosozialen Verhalten letztlich nur dann Erfolg haben, wenn die Eltern einbezogen sind. Einbezogen sein bedeutet mehr als nur informiert zu werden. Eltern müssen des Weiteren in ihrer eigenen Erziehungskompetenz unterstützt und gefördert werden, sodass Schule und Elternhaus gleiche Ziele verfolgen und nach gleichen Erziehungsgrundsätzen handeln.

Kooperation und Networking
Gewaltprävention kann nicht gelingen, wenn sie von einzelnen Eltern oder Lehrkräften alleine durchgeführt wird. So wichtig individuelles Engagement ist, so bedarf es des gemeinschaftlichen Handelns vor einem geteilten Werte- und Handlungskontext. Dies bedeutet auch, dass sich Kolleginnen und Kollegen in schwierigen Situationen und Auseinandersetzungen gegenseitig beiste­hen, unterstützen und helfen. Gewaltprävention braucht Netzwerke, Zusammenarbeit über die einzelnen Schulen hinweg mit Eltern, Fachkräften der Jugendhilfe und der polizeilichen Gewaltprävention.

Zugehörigkeiten: Wenn Kriminalprävention auf Inklusion, auf soziale Teilhabe und Partizipation gerichtet ist, den öffentlichen Raum sichert und das Sicherheitsgefühl verbessert, dann ist und schafft sie auch soziales Kapital: Eine Atmosphäre der Solidarität, der Zugehörigkeit und des sozialen Vertrauens, der Verlässlichkeit der gemeinsam geteilten Regeln, Normen und Werte und nicht zuletzt des Vertrauens in die Institutionen des Staates. Dadurch leistet Kriminalprävention einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Gewährleistung von Vielfalt, gerade in „unsicheren Zeiten“. Es geht namentlich darum, die Pluralität sozialer sowie ethnisch-kultureller Gruppierungen, Lebensstile, Verhaltensweisen, Werte und Normen zu sichern.
Hannoveraner Erklärungdes 14. Deutschen Präventionstages. Hannover 2009, Auszug. www.praeventionstag.de/html/GetDokumentation.

Die vier Ebenen im Blick haben – das ökologische Modell der WHO
Das mit vier Ebenen arbeitende Modell ist hilfreich für die Ergründung der das Verhalten beeinflussenden Faktoren oder von Faktoren, die das Risiko, zum Gewalttäter oder Gewaltopfer zu werden, erhöhen.

  • Auf der individuellen Ebene werden die biologischen Faktoren und persönlichen Entwicklungsfaktoren erfasst, die einen Einfluss darauf haben, wie sich der einzelne Mensch verhält, und ihn mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zum Gewaltopfer oder -täter werden lassen.
  • Die zweite Ebene ist die Beziehungsebene, auf der die engen zwi­schenmenschlichen Beziehungen zu Familie, Freunden, Intimpartnern, Gleichaltrigen und Kollegen u. a. auf die Frage hin untersucht werden, inwieweit sie das Risiko, zum Gewaltopfer oder -täter zu werden, erhöhen.
  • Auf der dritten Ebene geht es um die soziale Beziehungen stiftenden Umfelder der Gemeinschaft wie Schulen, Arbeitsplätze und Nachbarschaften und um die für die jeweiligen Settings charakteristischen, Gewalt fördernden Risikofaktoren.
  • Bei der vierten Ebene richtet sich der Blick auf die gesellschaftlichen Faktoren im weiteren Sinne, die ein die Gewalt förderndes oder ihr ab­trägliches Klima schaffen. Dazu gehören die Verfügbarkeit von Waffen sowie soziale und kulturelle Normen.

World Health Organization: Violence Prevention Alliance. Building global commitment for violence prevention. Geneva 2005.

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