Amoklauf an Schulen

Schwere Gewalt

Obwohl krisenhafte Ereignisse, wie sog. Schulmassaker oder Amokläufe, nur selten vorkommen, ist ihre Anzahl in den letzten Jahren gestiegen.

Das erste School Shooting fand am 13.12.1974 in Olean, New York, (USA) statt als ein 18-Jähriger Schusswaffen und selbst gebastelte Bomben mit in die Schule brachte (vgl. Wickenhäuser 2005, S. 13). über 100 weitere haben seitdem weltweit stattgefunden, 66 davon in den letzten zehn Jahren. Fast 200 Schüler und Lehrkräfte fielen den Gewalttaten zum Opfer. In Deutschland haben seit 1999 acht Amoktaten an Schulen stattgefunden, bei denen über 40 Menschen ums Leben kamen (vgl. Langer/Diehl 2009; Ludwig 2009).

Solche Ereignisse kommen meist – da mögliche Anzeichen nur un­zureichend wahrgenommen und verstanden werden – unerwartet und überraschend. Sie bringen die Betroffenen in eine existentielle Stresssituation, die sofortiges Handeln erfordert, das über Leben und Tod entscheiden kann.

Auch wenn solche Ereignisse wohl nie vollständig verhindert werden können, kann man ihnen präventiv begegnen und sich auf sie vorbereiten. Hierzu gehören das Aufstellen von Notfallplänen, das Einüben von günstigen Handlungsweisen in Extremsituationen sowie der Umgang mit den Betroffenen nach dem Ereignis.

Ein Amoklauf ist in den seltensten Fällen nur blindwütige Raserei, die sich impulsiv aus einer Situation heraus ergibt. Bei Amok han­delt es sich in aller Regel um eine genau geplante und organisierte Tat. Fast alle Täter beschäftigen sich vor der Tat einige Zeit gedanklich mit dem bevorstehenden Gewaltakt und planen diesen oft sehr genau. Sie beschaffen sich gezielt die Tatwaffen, und wählen ihre Opfer in den meisten Fällen bewusst aus.

Der Begriff Amok“ ist das einzige aus dem Malaiischen entlehnte Wort (amuk) in der deutschen Sprache. Es bedeutet ursprünglich „wütend“, „rasend“, „im Kampf sein Letztes geben“. Amokkämpfer in Südindien oder Malaysia warfen sich mit Todesverachtung in die Reihen des Feindes. Gefallene Amokkrieger galten als Helden des Volkes und als Lieblinge der Götter. Handlungsreisende berichteten im 16. Jahrhundert über Malaien, die sich mit Opium berauschten, plötzlich mit einem Dolch bewaffnet auf die Straße stürmten und jeden niederstachen, der ihnen begegnete. Dabei riefen sie „Amok“ (vgl. Focus, 18/2002, S. 26).

Nach dem Amoklauf in Winnenden am 11.3.2009 Wir müssen aufmerksam sein, das ist die Lehre, auf alle jungen Menschen – das gilt für Eltern, das gilt für Erzieher. Wir müssen alles tun, um zu schauen, dass Kinder nicht an Waffen kommen, dass ihnen auch sicherlich nicht zu viel Gewalt zugemutet wird in den verschiedenen Stellen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, 15.3.2009.

Die Tat mahnt uns auch, darüber nachzudenken, ob wir unseren Mitmenschen immer die notwendige Aufmerksamkeit entgegenbringen.Bundespräsident Horst Köhler, 14.3.2009.

Tätertypen

Der Amokforscher Lothar Adler (2000) unterscheidet drei Tätertypen:

  1. Die Schizophrenen: Sie bekämpfen aus einer Wahnvorstellung heraus irgendwelche bösen Mächte oder Invasoren aus dem All.
  2. Die Depressiven: Sie bilden sich ein, durch eine schandhafte Tat etwa die Ehre ihrer Familie befleckt zu haben, und töten, um den ihnen Nahestehenden die Schmach zu ersparen.
  3. Die Persönlichkeitsgestörten: In der Regel verbergen sich dahinter narzistische Persönlichkeiten, die beziehungsgestört und leicht kränkbar sind. Sie sind sehr bemüht, sich anzupassen. Zugleich haben sie eine ganz genaue, hochstrebende Vorstellung
    von sich selbst, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Diese Menschen erleiden deshalb eine Kränkung nach der anderen, und im Gegensatz zu den meisten Menschen vergessen sie keine davon. Die Schmach wühlt in ihnen, bis sie irgendwann
    gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Welt losschlagen.

Nahlah Saimeh, ebenfalls Amokforscherin, nennt als typische Merkmale von Amokläufern: Sie haben große Niederlagen erlebt und empfinden sich als Looser. In Familie, Schule oder Beruf sind sie isoliert. Sie besitzen kein funktionierendes soziales Netz. Der Wunsch, „ganz groß rauszukommen“, treibt sie zum Verbrechen.

Die Entwicklung eines Amoklaufes beschreibt der Psychiater Volker Faust so (vgl. www.psychosoziale-gesundheit.de):

  • Im Vorstadium finden sich gehäuft Milieu-Schwierigkeiten, chronische Erkrankungen, der Verlust der sozialen Ordnung oder Demütigungen, Kränkungen, Beleidigungen bzw. eine Verminderung des persönlichen Ansehens.
  • Auf dieser Grundlage bekommen dann akute Belastungen körperlicher, seelischer oder psychosozialer Art eine besondere, letztlich verheerende Bedeutung.
  • Danach droht aber (noch) kein aggressiver Durchbruch, sondern das Gegenteil, nämlich Rückzug und Isolationsneigung. Dies kann verstanden werden als ein dumpf-diffuses, missgestimmt-reizbares bis depressiv-feindseliges Brüten über reale oder eingebildete (imaginierte) Kränkungen oder Demütigungen.
  • Aus einem solchen Stadium der „verwirrten Sinne“ bricht plötzlich der eigentliche Amok-Zustand hervor. Der Betroffene wird von einem so genannten „Bewegungssturm“ ergriffen, mit planlosen Angriffs- oder Fluchtbewegungen. Er tut alles, um das Ausmaß an Zerstörung oder Tod möglichst extrem zu gestalten.
  • Den Abschluss bildete früher ein stunden- bis tagelanger schlafähnlicher bis stuporartiger Zustand. Heute werden Amoktäter i.d.R. während der Tat erschossen oder töten sich selbst.

Amok Der Begriff Amok ist zwar in aller Munde, wird aber inzwischen so breit und damit unscharf gebraucht, dass viele gar nicht mehr wissen, was er ursprünglich bezeichnete: eine plötzliche, willkürliche, nicht provozierte Gewaltattacke mit mörderischem oder zumindest erheblich zerstörerischem Verhalten. Danach Erinnerungslosigkeit und Erschöpfung, häufig auch Umschlag in selbstzerstörerische Reaktionen mit Verstümmelung oder Selbsttötung.
Volker Faust http://psychiatrie-heute.net/psychiatrie/amok.html

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