Verhalten in akuten Gewaltsituationen

Notwendige Schritte

Sich dem eigenen Aggressionspotenzial stellen
Selbst ausgeübte Gewalt wird häufig gerade von Personen, die eigentlich Gewalt ablehnen, mit dem Schutz von Schwächeren vor der Misshandlung und Gefährdung durch Stärkere oder auch einer aufgezwungenen Selbstverteidigung (Notwehr) legitimiert.

Solche Gewaltformen sollten jedoch nicht als unproblematisch und für selbstverständlich gehalten und verteidigt werden, sondern sind durchaus auch als Folge eigener latenter Gewaltsamkeit bzw. eines überraschend entdeckten persönlichen Gewaltpotenzials zu identifizieren. Die Aufgabe muss hier sein, mit eigenen aggressiven Impulsen in Konfliktsituationen umgehen zu lernen, so dass eine (weitgehend) willentliche Steuerung des eigenen Verhaltens in Problemsituationen ermöglicht wird. Dies setzt eine genaue Be­obachtung und Kenntnis der eigenen Person voraus.

Wahrnehmung fördern
Eine differenzierte Wahrnehmung von Verhaltensweisen und Verhaltensimpulsen kann verhindern, dass neutrale Reize bereits als Aggression oder Gewalt empfunden werden. So werden z.B. von aggressiven Kindern oder Jugendlichen schnelle Bewegungen oft als Angriff gewertet oder es ist ihnen nicht möglich, zwischen absichtlicher Schädigung und unbeabsichtigten Handlungen zu unterscheiden.

Aggressivem Verhalten geht oft die Wahrnehmung (und Inter­pretation) einer Situation als feindlich, gefährlich, die eigenen Interessen bedrohend voraus. Daher ist es notwendig, eine differenzierte Wahrnehmung zu trainieren. Informationen über den situativen Zusammenhang von aggressiven Handlungen sollten gesammelt und dabei berücksichtigt werden, dass dieselbe Situation unterschiedlich erlebt und interpretiert werden kann. Damit entsteht die Möglichkeit zu überprüfen, ob tatsächlich eine bedrohliche Situation vorliegt.

Handlungsalternativen entwickeln
Aggressives Verhalten dient häufig dem Erreichen von Zielen. Deshalb sollten andere Mittel angeboten werden, mit denen die angestrebten Ziele erreicht werden können. Dies setzt jedoch voraus, dass das Handlungsziel des anderen klar ist. Gerade im Bereich von Gewalthandlungen lässt das zu beobachtende Verhalten nicht immer ohne weiteres auf die angestrebten Ziele schließen.

Aktion Noteingang
Um Verfolgten im öffentlichen Raum eine sichere Anlaufstelle zu geben, sucht und kennzeichnet die „Aktion Noteingang“ Räume (Läden, Geschäfte) mit Aufklebern, in denen Verfolgte in akuten Gewaltsituationen Zuflucht finden können. Die Aufschrift der Aufkleber, „Wir bieten Schutz und Informationen bei rassistischen und faschistischen übergriffen“ soll ein sichtbares Zeichen für Zivilcourage setzen und den Opfern rassistischer übergriffe signalisieren: „Hier kann man Hilfe finden, wenn man gejagt wird.“ Mit dieser Aktion soll das Klima im öffentlichen Raum positiv verändert werden.
Vgl. www.aktion-noteingang.de

Anwendung von Gewalt eindeutig verurteilen
Aggressive und gewalttätige Verhaltensweisen, die ohne negative Konsequenzen und Missbilligung bleiben, stellen eine Aufforderung dar, dieses Verhalten zu wiederholen. Aggression und Gewalt müssen auf allen Ebenen eindeutig verurteilt und sanktioniert werden. Besonders problematisch erscheint, dass Aggression und Gewalt, die von Staatsorganen bzw. im Auftrag des Staates an­gewandt werden, anders beurteilt werden, als individuelle Gewalttätigkeit. Das eine wird als legitim, gerecht und notwendig eingestuft, das andere als kriminell, ungerecht und überflüssig. Die Legitimation von Gewalt wird so eng mit dem Kontext von Macht verknüpft: Wer über Macht verfügt, darf (muss) auch Gewalt anwenden. Für den Erziehungsprozess ist es äußerst problematisch, wenn Kinder auf der einen Seite zu gewaltfreien Konfliktlösungen befähigt werden sollen, auf der anderen Seite jedoch ständig er­fahren, dass Gewalt ein erlaubtes, notwendiges und unumgäng­liches Mittel sein kann, wenn sie als „sittliche Aufgabe“ definiert oder zur „Erhaltung des Friedens“ eingesetzt wird. Das legitime Gewaltmonopol des Staates muss deshalb streng an die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit geknüpft sein und einer permanenten Kontrolle unterliegen. Die Diskussion um den Einsatz von Folter als Mittel der Erkenntnisgewinnung verdeutlicht die Problematik.

Möglichkeiten der angemessenen Selbstbehauptung anbieten
Die (über-)Lebensfähigkeit eines Individuums in einer Gesellschaft hängt auch davon ab, eigene Bedürfnisse und Interessen verfolgen und durchsetzen zu können. Zivilcourage zu zeigen oder den eigenen Standpunkt zu behaupten, hängen nicht nur von der Kommunikationsfähigkeit, sondern auch von der Durchsetzungsfähigkeit, also einem gewissen sozialen Antrieb ab, der häufig als „konstruktive Aggression“ bezeichnet wird.

Abends in der U-Bahn
Herr Brumlik: Stellen Sie sich vor, Sie werden abends in der U-Bahn von Jugendlichen angepöbelt und bedroht. Wie reagieren Sie?
Micha Brumlik: Ich hätte Angst und ich würde mir drei Dinge überlegen: Ist es sinnvoll, die Jugendlichen anszusprechen? Versuche ich, die Polizei zu rufen? Oder ist es das Beste, so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen. Aber zum Glück kommen Vorfälle wie jüngst in der U-Bahn von München, wo zwei Jugendliche einen wehrlosen Mann halb tot prügelten, vergleichweise selten vor. Gleichwohl sind öffentliche Orte wie U-Bahnen gerade in den frühen Morgen- und späten Abendstunden Stätten der Verunsicherung und Angst.

Krise der Männlichkeit. Interview mit Micha Brumlik. In: Frankfurter Rundschau, 19.8.2008, S. 23, Auszug.

In Problemsituationen gemeinsam handeln
Gemeinsames Handeln und gegenseitiges Unterstützen ist in Problemsituationen immer erfolgreicher als isoliertes individuelles Vorgehen. Dies betrifft Lehrkräfte, die sich auf Handlungsgrundsätze einigen und sich gegenseitig unterstützen müssen ebenso wie Schülerinnen und Schüler, die sich gezielt mit den Möglich­keiten kooperativen Handelns beschäftigen sollten.

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