Interkulturelles Lernen

Interkulturelles Lernen

In Deutschland lebten Ende 2008 über 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist mit ca. 19 Prozent doppelt so hoch wie der Anteil der bisher erfassten Ausländer, die ca. 9 Prozent der Gesamtbevölkerung (6,7 Mio.) stellen (Bundesamt für Migration 2009).

Die Entwicklung interkultureller Kompetenz als Erweiterung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit für Fremdes und als die Fähigkeit, das Andere als anders zu akzeptieren, wird von der UNESCO als Kern einer Erziehung zum Frieden und zur Demokratie angesehen.

Interkulturelles Lernen bezeichnete früher vor allem politische und pädagogische Programme, die eine Erziehung zur Völkerverständigung zu verwirklichen suchen. Seit Beginn der 1990er Jahre wird interkulturelles Lernen zunehmend im Kontext der Globalisierung verwendet und bezeichnet das Lernen fremder Kulturen bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur (vgl. Nestvogel 2002, S. 35).

Voraussetzung für interkulturelles Lernen ist die Begegnung mit anderen (fremden) Kulturen. In der Vergangenheit fand diese Begegnung klassischerweise im Ausland als „Austausch“, „Partnerschaftstreffen“ oder „Studienaufenthalt“ statt. Die neue Herausforderung ist heute, dass sich diese Begegnung der Kulturen zunehmend in unsere Gesellschaft, quasi in den Alltag verlagert hat. Interkulturelles Lernen gewinnt seine Relevanz und Brisanz vor dem Hintergrund von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre.

Innergesellschaftlich sind dies u.a.:

  • vielfältige fremdenfeindliche Aktivitäten;
  • die Entwicklung von (scheinbar) homogenen Gesellschaften zu multikulturellen Gebilden;
  • die Einbeziehung (von Waren und Dienstleistungen) nahezu sämtlicher Länder in Produktion und Konsumption;
  • die Entwicklung neuer Technologien, die große internationale Kommunikationschancen eröffnen.

International sind dies u.a.:

  • die sich immer stärker vollziehende Integration Westeuropas;
  • die zunehmende Globalisierung und Internationalisierung der Lebenswelt;
  • die parallele Tendenz von zunehmender Integration auf internationaler Ebene bei gleichzeitiger starker Betonung regionaler Besonderheiten;
  • die Tendenz, politische und soziale Konflikte unter ethnischen Aspekten zu definieren.

Das Konzept des interkuturellen Lernens hat es also sowohl mit individuellen, innergesellschaftlichen als auch mit internationalen Herausforderungen zu tun.

Visionen über die Zukunft Wir stehen vor einer großen Herausforderung, für mich die größte seit 1945. Wir müssen das Fundament unserer Identität klären. Die acht Millionen Ausländer, die hier seit Jahrzehnten in dritter und vierter Generation leben, haben auch einen Anspruch mitzubestimmen, wie die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland zukünftig aussehen soll.

Wir müssen uns Gedanken darüber machen, was ist unser politisches Wertesystem, was sind die Prioritäten, zu denen wir stehen, was sind unsere Visionen, was ist das Zukunftsziel Deutschlands? Michel Friedman vom Zentralrat der Juden Deutschlands in: das baugerüst, Heft 1/01.

Der Umgang mit dem Fremden

Das Verhalten der „Fremden“, ihre Weltanschauungen, ihre Umgangsformen, ihre Bräuche und Sitten sind eine ständige Anfrage an das, was vertraut ist, und an das, was für „normal“ gehalten wird. Diese permanente Konfrontation verunsichert und wird als Provokation der eigenen Werte und Lebensweise empfunden. Anstatt sich damit auseinanderzusetzen, wird diese Provokation jedoch häufig abgewehrt, abgewertet und abgedrängt. Dabei bleibt das Gefühl der überlegenheit und Stärke erhalten, das in Wirklichkeit Unsicherheit und mangelndes Selbstbewusstsein kaschiert. Durch die Herabsetzung des Fremden wird versucht, eigene Schwäche in ein überlegenheitsgefühl, eine überlegenheitsillusion umzukehren.

Die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“ ist deshalb also zunächst eine Auseinandersetzung mit eigenen verdrängten oder verleugneten Anteilen. Das Verhältnis zum Fremden außerhalb von uns ist abhängig von dem, was uns an uns selbst fremd ist. Das „innere Ausland“ (Freud) bestimmt entscheidend, wie Ausländer erfahren werden.

Damit interkulturelle Bildung gelingen kann, müssen die jungen Menschen die Erfahrung der Fremdheit machen, d.h. unter anderem das Fremde in sich selbst erfahren, betont Christoph Wulf (2006, S. 20). Nur auf dieser Basis ist Offenheit für den Anderen, ist ein Denken vom Anderen her möglich. Aus dieser Situation ergeben sich neue Aufgaben; zu diesen gehört es, neue Repräsentationen des Anderen, neue Loyalitäten und Solidaritäten zu entwickeln.

Auch Georg Auernheimer (o.J.) weist darauf hin, dass, wenn wir interkulturelle Kontakte als Ingroup-Outgroup-Beziehungen definieren, immer Fremdbilder im Spiel sind. Diese Bilder von anderen steuern unsere Erwartungen und Erwartungserwartungen und damit unsere Aktionen und Reaktionen. Unsere Stereotype und Vorurteile sind dabei nicht rein individueller Natur, sondern gesellschaftlich überliefert und vermittelt.

Kompetenzen

  • Analysekompetenz: Zentral ist hierbei die Vermittlung von Wissen über die eigene und fremde Kultur(en) und Lebenssituationen.
  • Handlungskompetenz, d.h. die Ausbildung der Fähigkeit, eine Begegnung mit einer fremden Kultur bewusst gestaltenzu können (bezogen auf Kommunikation, Sprache, Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit).
  • Reflexionskompetenz, d.h. das Erkennen, dass jeder Mensch von kulturellen Werten, Einstellungen und Normen beeinflusst wird, die das Selbst- und Fremdbild bestimmen, jedoch nicht immer einen konkreten Realitätsbezug haben müssen.

Michaela Glaser/Peter Rieker: Interkulturelles Lernen als Prävention von Fremdenfeindlichkeit. Halle 2006, Auszüge.

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