Gewalt ist immer präsent

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Von Anfang an. Nicht nur, weil dies seit dem Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch steht oder weil es für die Gesellschaft, langfristig betrachtet, kostengünstiger ist, in Prävention zu investieren, anstatt in spätere Therapien und Jugendgefängnisse (Berth 2012). Sondern einfach, weil zu jedem Menschen eine ihm eigene Würde gehört, die durch die Anwendung von Gewalt, gleich von welcher Seite und zu welchem Zweck, negiert wird.

Gewaltprävention VorschuleMenschen können nur zusammenleben, wenn sie gewaltfrei miteinander umgehen. Dies ist die Grundlage jeder freien Gesellschaft und jeder Demokratie.

Gewaltprävention hat in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Dabei hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Prävention bereits im frühen Kindheitsalter beginnen sollte, um mögliche spätere negative Folgen von kindlichen Gewalterfahrungen zu verhindern. Gewaltprävention ist mit der Absicht oder gar dem Versprechen verbunden, Gewalt im Bereich von Kindern und Jugendlichen zu reduzieren, wenn nicht ganz abzuschaffen.

Diese Absicht wird mit der Erkenntnis konfrontiert, dass auch in modernen Gesellschaften ein weitgehend gewaltfreier Umgang als Grundlage des Zusammenlebens nicht gänzlich garantiert ist und wohl auch nicht garantiert werden kann. Die Gesellschaften, so der Historiker Sieferle (1998, S. 28), könnten der Gewalt nicht entkommen. Sie könnten nur versuchen, ihr eine kulturell verträgliche Form zu geben. Gewaltprävention will hierzu einen Beitrag leisten. Das Vorhandensein und die Suche nach den Ursachen von Gewalt sowie der Umgang damit gehören zu den großen Menschheitsthemen. Gewalt war und ist geschichtlich gesehen immer schon da. Nicht nur zwischen Menschen, sondern auch in Institutionen, Gemeinschaften und Gesellschaften. Dabei wurde und wird immer unterschieden zwischen der guten Gewalt als legitimes Mittel, um übergeordnete Ziele zu erreichen, und der schlechten Gewalt, die egoistisch und gemeinschaftsschädlich ist.

Gewalt ist eine Grundkonstante menschlichen Verhaltens, auf die immer dann zurückgegriffen wird, wenn andere Verhaltensweisen nicht zur Verfügung stehen. Entwicklungspsychologisch betrachtet taucht sie in bestimmten Lebensphasen wie z. B. dem Jugendalter besonders häufig auf. Deshalb sind Gewalt und Gewaltprävention auch wichtige Themen für die Begleitung von Kindern. Dabei geht es immer auch darum, was normales, erwartbares Verhalten ist, wann von der Norm abgewichen wird und wie dies zu bewerten ist. Denn was als Gewalt in der jeweiligen Situation bezeichnet wird, ist immer kultur- und kontextspezifisch und darüber hinaus historisch einzuordnen.

Gewalt ist jedoch nicht nur Abweichung von Normalität. Gewalt konstituiert sich auch aus sich selbst und ist ein eigenes Handlungs- und Legitimationssystem (vgl. Barberowski 2012, S. 8). Ermöglichungs-und Ermächtigungsräume für Gewalt zu kennen und diese zu begrenzen, sind Voraussetzungen für gelingende Prävention. Gewalterfahrungen auf der Täter- und auf der Opferseite verändern Menschen. Das Vorhandensein von Gewalt anzuerkennen, setzt voraus, sie auch wahrnehmen zu können und Antworten auf ihr Vorhandensein zu finden. Dabei ist davon auszugehen, dass Gewalt in den wenigsten Fällen sinnlos angewendet wird. Denn Verhalten ist auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen angelegt und auch als Kommunikationsform zu verstehen. Wer also Gewaltprävention betreiben will, muss seine Zielgruppe, deren Bedürfnisse und Umwelt gut kennen.

Prävention
„Prävention ist zunächst das eigentliche und primäre Geschäft der Pädagogik. Prävention meint, dass Verhältnisse so stabil sein müssen, dass sich in ihnen schwieriges Verhalten nicht entwickelt bzw. dass es da, wo es anfängt sich zu entwickeln, aufgehalten und abgefangen werden kann. Prävention zielt auf Verhältnisse, die ein gelingendes Großwerden möglich machen. Prävention zielt darauf, und da gibt es großen Nachholbedarf, dass die Schulen [bzw. die vorschulischen Einrichtungen – d.V.] gut sind, dass die familialen Verhältnisse verlässlich und attraktiv sind, aber auch, dass es ein Gemeinwesen gibt, in dem Probleme aufgefangen werden können und nicht abgeschoben und exkludiert werden müssen.“ (Thiersch 2007)

Trotz aller gewaltpräventiven Bemühungen werden Aggression und Gewalt die Menschheit auch weiterhin begleiten. Nicht, weil sie angeboren wären, sondern zum einen, weil sie für viele eine nützliche Funktion für das Erreichen von Zielen haben und zum anderen, weil sie in Situationen emotionaler Erregung verbunden mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit häufig als letztes Mittel (letzte Ressource) gesehen und angewendet werden.

Wie können sich in einer Gesellschaft, in der über viele Generationen hinweg Prügel als Erziehungsmittel selbstverständlich waren, gewaltfreie Verhaltensweisen durchsetzen (vgl. Müller-Münch 2011)? Verbote von Gewalt sind wichtig, um einen klaren Rahmen zu setzen, reichen aber bei weitem nicht aus. Es geht um Lernprozesse, die zu einer veränderten, neuen inneren Überzeugung und Haltung beitragen, zumal in einer Gesellschaft, in der die Durchsetzung eigener Interessen als das eigentlich richtige Handeln permanent betont wird. Dies benötigt Zeit und Energie, um Achtsamkeit im Umgang miteinander zu erlernen. Und es braucht Mut und Ermutigung, Alltagsweisheiten wie z. B. „Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet“ hinterfragen zu können – und zu wollen.

Im Vorschulbereich werden die Grundlagen für die weitere Entwicklung von Kindern gelegt. Dabei können prosoziale Fähigkeiten altersgemäß angebahnt und gefördert, dissoziale frühzeitig wahrgenommen und mit anderen Verhaltensangeboten konfrontiert werden. Gewaltprävention basiert auf der Annahme, dass, wenn nichts unternommen wird, eine negative Entwicklung einsetzen könnte, die (später) Probleme bereitet und zu vermeidbaren Kosten führt.

Gerade im Vorschulbereich erscheint es jedoch äußerst wichtig, Gewaltprävention nicht als eine Verhinderungspädagogik miss zu verstehen, sondern als Förderung und Ermöglichung einer positiven Entwicklung zu begreifen, die die körperlichen und psychischen Grundbedürfnisse von Kindern aufgreift.

Dieser gewaltpräventive Ansatz geht davon aus, dass aggressive Verhaltensweisen keine isolierten Phänomene sind, sondern eng mit (noch) nicht entwickelten sprachlichen und sozialen Fähigkeiten im Vorschulalter zusammenhängen, mit Erprobungsverhalten zu tun haben und oft auch auf tieferliegende Probleme hinweisen können. Neben der Herkunftsfamilie hat die pädagogische Qualität einer Einrichtung einen wichtigen unmittelbaren Einfluss auf das Sozialverhalten der Kinder im Allgemeinen und auf das Konflikt- und Gewaltverhalten im Besonderen. Eine „gute“ Pädagogik wirkt hier in einem allgemeinen Sinne präventiv.

Gewaltprävention ermöglicht es, durch die Entwicklung und Förderung prosozialen Verhaltens, von Konfliktlösekompetenz und sozial akzeptablen Ausdrucksformen kindlicher Aggression günstige Entwicklungsbedingungen zu unterstützen. Dabei geht es nicht um Einzelmaßnahmen, sondern um die Verbesserung der sozialen Qualität der Einrichtung, der Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie um die Unterstützung von Eltern und Familien im Bereich der Erziehung.

Wie Gewaltprävention im Vorschulbereich verstanden wird und welche Maßnahmen angewendet werden, hängt stark davon ab, wie das Verhalten von Kindern bewertet und wie das, was Kinder brauchen, gesehen wird, welche Möglichkeiten der Entwicklung und der Unterstützung in der Familie und deren Umfeld vorhanden sind und welche Möglichkeiten die betreuenden Einrichtungen (Kindergarten, Kindertagesstätte, Krippen, Hort usw.) anbieten können.

Nur zögerlich aufgegriffen
Die Stiftung Deutsches Forum Kriminalprävention (DFK) befasst sich kontinuierlich und schwerpunktmäßig mit der Frage, wie Gewaltprävention systematisch und nachhaltig gestaltet werden kann. Sie stellt in ihrem 2013 veröffentlichten Leitfaden fest: „Erstens zeigt sich, dass die Bedarfe zur Stärkung von Erziehungskompetenzen in den Kindertagesstätten, Einrichtungen der sozialen Kinder- und Jugendarbeit und Schulen von ihren verantwortlichen Trägern und Verwaltungen nur (sehr) begrenzt systematisch aufgegriffen werden. D.h., insbesondere von Praxis und Experten für notwendig erachtete Anpassungen etwa in der Aus- und Fortbildung sowie bei der Organisationsentwicklung werden nicht oder nur zögerlich eingeleitet.“ (DFK 2013, S. 3)

Der Vorschulbereich

Der Begriff Kindergarten mutet heute altmodisch an. Man spricht heute von Kindertageseinrichtungen, von Frühpädagogik und Elementarbereich. Diesem Bereich wird nicht nur ein Betreuungsauftrag, sondern auch ein eigenständiger Bildungsauftrag zugeschrieben. Bildungspläne unterstützen die ganzheitliche Förderung der Kinder, denn es sollen keine kostbaren Jahre verschenkt werden.

Auch Friedrich Fröbel, der „Vater des Kindergartens“, sah dessen Aufgabe darin, Kinder zu bilden und Familien bei der Erziehung zu unterstützen. Ein Kindergarten wurde als Ort begleitender Erziehung verstanden, an dem die Entwicklung der einzelnen Kinder genau beob¬achtet und gefördert werden sollte. Maria Montessori hat hierzu wegweisende Ansätze entwickelt.

Die verstärkte Ganztagsbetreuung und das Angebot von Krippenplätzen sowie die zunehmende Akademisierung des Elementarbereichs haben den traditionellen Kindergarten verändert. Vor allem aber der Bildungsanspruch bringt neue Herausforderungen mit sich, denn die Bildungssysteme sollen und müssen stärker als früher miteinander kooperieren.

In diesem Band werden die Begriffe Kindereinrichtung, Kindertagesstätte und Kindergarten, Hort usw. synonym als Bezeichnung vorschulischer Einrichtungen verwendet, ohne dadurch deren je spezifische Verfasstheit ignorieren zu wollen.

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