Gewaltspielzeug

Was Kinder lernen

Aus einem Kind, das mit Kriegs- und Gewaltspielzeug spielt, wird noch lang kein Militarist. Gewaltspielzeug macht Kinder nicht gewalttätig und Kriegsfilme verführen Kinder nicht dazu, Kriege zu führen.

Solche Annahmen über Ursachen und Wirkungen greifen zu kurz, denn menschliches Verhalten ist von sehr vielen Einflussfaktoren abhängig. Dennoch, der Umgang mit Kriegs- und Gewaltspielzeug trägt umgekehrt nicht zur Entwicklung von Friedensfähigkeit bei. Zumindest drei Bereiche sollten in Bezug auf ihre möglichen negativen Auswirkungen beobachtet werden:

  • Umgang mit Aggression und Konflikten: Wenn Kinder im Spiel Verhaltensweisen ausprobieren und einüben, so ist anzunehmen, dass die ständige Beschäftigung mit dieser Art von Spielzeug die aggressiven Verhaltensanteile stärkt. Dies könnte sich insbesondere langfristig beim Umgang mit Konflikten auswirken. Zur Konfliktaustragung werden dann weniger sprachliche als vielmehr körperlich-aggressive Mittel eingesetzt.

  • Einübung geschlechtsspezifischer Rollen: Gewaltspielzeug ist ein geschlechtsspezifisches Phänomen, denn es sind hauptsächlich Jungen, die damit spielen und männliche Werte, die damit transportiert werden.

Waffenfaszination
Es gibt aber eine einfache Erklärung dafür, weshalb sich Kinder Gewehre, Revolver und Panzer wünschen. Sie möchten das besitzen, womit die Freunde im Kindergarten, in der Schule, im Sportverein usw. spielen. Die Werbung im Fernsehen, in Spielzeugheften beeinflusst sie maßgeblich. Natürlich lockt auch das, was sie in Schaufenstern erblicken.

Man muss sich vor Augen halten, dass Kinder alles nachahmen, was sie zu sehen bekommen. Und hier lässt sich nicht leugnen, dass Waffen, Krieg und Gewalt in Nachrichten, Spielfilmen und im Fernsehen präsent sind.

Im Übrigen brauchen Kinder nicht unbedingt Spielzeugwaffen, um Krieg und Schießereien zu spielen. Die Kinder benutzen harmlose Dinge wie Kochlöffel, Legosteine etc. als Waffen! (...) Kinder sind in der Lage, alles Mögliche in einem Spielzeug zu sehen. Ihre Phantasie beflügelt sie reichhaltig.
(Weymann o.J. www.familienhandbuch.de)

 

Was Erzieherinnen meinen
Im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen sollten Erzieherinnen und Erzieher benennen, was aus ihrer Sicht dazu beiträgt, dass Kinder mit Gewaltspielzeug spielen.

  • Der Besitz von Gewaltspielzeug bringt „Freunde“.
  • Mit Waffen(-imitaten) kann Macht über andere ausgeübt werden.
  • Waffen dienen als (scheinbarer) Selbstschutz, um sich gegen Stärkere wehren zu können.
  • Waffen tragen dazu bei, in einer Gruppe akzeptiert zu werden.
  • Das Spiel mit Waffen kann Gewalterfahrungen in der Familie aufgreifen.
  • Mangelnde Fähigkeit, sich verbal auszudrücken.
  • Verarbeitung von Waffen und Kampfdarstellungen in Filmen, Spielen und im Fernsehen.
  • Verarbeitung von Streit- und Angstsituationen in der Familie und im sozialen Umfeld.
  • Das Spiel mit Waffen macht oft Krach und dies macht Spaß.
  • Waffen können dazu benutzt werden, sich auszutoben und abzureagieren.
  • Diese Spiele bringen Abenteuer und Spannung.
  • Selbst erlebte Gewalt ausleben.
  • Faszination von Technik und Waffen kann sich auch im Spiel wiederfinden.
  • Spiel mit Waffen hat oft den Reiz des Verbotenen.
  • Im Spiel mit Waffen werden auch „Helden“ nachgeahmt.
  • Das Spiel ist oft ein Nachspielen von in den Medien gesehenen Szenen.
  • Mit diesem Spiel können Aggressionen abgebaut werden.
  • Solche Spielmaterialien versprechen eine einfache und schnelle Konfliktlösung.
  • Verführung durch ein großes Angebot an Gewaltspielzeug.
  • Kinder haben kreativere Spiele verlernt.

 

Bundeswehrkaserne lässt Kinder Krieg spielen
Beim Tag der offenen Tür 2011 in der Bundeswehrkaserne in Bad Reichenhall durften dort Kinder und Jugendliche auf eine nachgebaute, vom Krieg zerstörte Stadt im Miniaturformat schießen. Die Miniaturstadt war mit „Klein-Mitrovica“ bezeichnet. Im echten Mitrovica (Kosovo) hatten die Nazis Gräueltaten begangen. (welt-online, 5.6.2011)

Action- und Gewaltspielzeug fördert ein Männlichkeitsideal, das mit Begriffen wie „kämpferisch“, „emotionslos“, „rücksichtslos“, „Einsatz für das Gute“ zu umschreiben ist. Hier werden über kommende Geschlechtsrollenstereotypen vermittelt, die in der heutigen Gesellschaft keinen Platz mehr haben.

Schießsport für Kinder ab sechs Jahren
In fast allen Ländern der Erde werde mit „WALTHER-Waffen“ geschossen, so der Kleinwaffenhersteller „Walther“ auf seiner Internetseite. Unter dem Motto „Entdecke den Spaß am Schießen“ bietet Walther Laserwaffen für „dynamisches Schießen für Kinder und Jugendliche ab sechs Jahren“ an, um so Kinder mit dem Schießsport anzufreunden. (www.carl-walther.de)

  • Vermittlung von Geschichts- und Weltbildern: Bei Kriegsspielzeug im engeren Sinne handelt es sich oft um die historische Nachbildung, z. B. Szenarien aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg oder von heutigen Kriegsschauplätzen. Diese werden auf Verpackungen oder in Videoclips scheinbar realitätsgetreu dargestellt. Lange bevor Kinder ein wirkliches Geschichtsverständnis entwickeln oder Sachverhalte differenziert auffassen können, wird hier „Pseudo“-Wissen in Form von Bildern vermittelt, das erste Grundlagen für eine Weltsicht legen kann. Insbesondere dann, wenn sich diese Sichtweisen in den Medien fortsetzen und keine alternativen Erfahrungen möglich sind. Der Übergang zwischen „Realität und Fiktion“ kann dabei verschwimmen oder sich sogar ganz auflösen.

Gewaltspielzeug

Wieder Kriegsspielzeug bei Märklin
Die Spielzeugfirma Märklin baut seit 2007 wieder Spielzeugpanzer. Unter dem Namen „Metal Military Mission by Märklin“ wurde erstmals seit 1945 wieder Kriegsspielzeug in die Produktpalette aufgenommen. (www.4mfor.de)

Welche Wirkung hat Gewaltspielzeug?
Sehr lange wurde die Frage der Wirkung von Gewaltspielzeug nahezu ausschließlich unter dem Aspekt betrachtet, ob solches Spielzeug kindliche Aggressionen fördern oder gar wecken würde. Es geht jedoch nicht um den isolierten Einfluss einzelner Spielangebote und -materialien, sondern um die sich verstärkende Wirkung vieler sinngleicher Ein-flüsse während des Sozialisationsprozesses. Kinder, die vor dem Hintergrund einer eher lieblosen oder gleichgültigen oder gar ablehnenden, gewalttätigen Familienatmosphäre negative Vorerfahrungen gemacht haben, neigen dazu, diese Erfahrungen durch sinngleiche Eindrücke und Erlebnisse zu bestätigen.

Diese Kinder spielen dann auch verstärkt mit Gewaltspielzeug und konsumieren Gewaltmedien. Kommen später Misserfolgserlebnisse in der Schule hinzu, können sich solche Risikofaktoren, wenn sie nicht durch korrigierende Erfahrungen aufgefangen werden können, zu negativen Handlungstendenzen verdichten.

 

Eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit dem Thema Kriegsspielzeug fand 1978 im Rahmen einer Spielwarenmesse in Bamberg statt:

Der damalige Bundesjustizminister Vogel hielt den Festvortrag und setzte sich ausgiebig mit dem Phänomen Kriegsspielzeug auseinander. Zwar lehnte auch er ein Verbot von Kriegsspielzeug ab, fand aber dennoch klare Worte:

„Wir müssen deshalb auch die nicht von der Hand zu weisende Möglichkeit ernst nehmen, dass das Kriegsspielzeug eine der Ausbreitung der Gewaltbereitschaft günstige Bedingung ist. Ich meine darüber hinaus, dass das Kriegsspielzeug klaren und für uns alle verbindlichen Wertentscheidungen der Verfassung zuwider läuft. Das gilt einmal für die Menschenwürde, die das Spiel mit Leben und Tod, den spielerischen Umgang mit Massenvernichtungsmitteln nicht duldet. Und es gilt für den ausschließlichen Verteidigungsauftrag der Bundeswehr, das Verbot des Angriffskrieges und die daraus fließende wertgebundene verfassungsmäßige Beurteilung der Waffenanwendung. Eine wertfreie, eben spielerische Betrachtung des Krieges und des Waffeneinsatzes, wie sie das Kriegsspielzeug geradezu provoziert, entspricht nicht dem Geist dieser Verfassungsbestimmungen.“ (Vogel 1978, Auszug)

 

Gewaltspielzeug im Kindergartenalter

Steck, Wrumm, Bäng!
„Jungs kennen das: Erst spielt man mit seinen Spielzeugautos, später übergießt man sie mit Feuerzeugbenzin oder sprengt sie mit Böllern in die Luft. Ein englischer Slotcar-Hersteller hat diese kreative Zerstörungslust beim ‚Quick Build Demolition Derby Set‘ zur Kernidee erhoben.“ (www.spiegel.de/auto/ aktuell/scalextric-modell-rennautos-aus-dem-lego-kompatiblen-steckbaukas-ten-a-880730.html)

Für Kinder, die eine geborgene Familienatmosphäre genossen haben, die lernen konnten, wie Konflikte konstruktiv gelöst werden können, wird ein gelegentliches Spiel mit Gewaltspielzeug oder der Medienkonsum von Gewaltvideos ein momentanes interessantes Ereignis sein, das Neugier befriedigt, aber langfristig keine negativen Folgen hinterlässt. Häufig werden sich Kinder jedoch zwischen diesen beiden Extremen bewegen. Für sie kann dann eine weitere Gewalterfahrung die entscheidende, verhaltensauslösende sein, zumal dann, wenn sie sich in einer Gruppe befinden, die Gewalt als Handlungsmöglichkeit akzeptiert oder evtl. geradezu fordert.

Brauchen Kinder Monster?
Brauchen Kinder nicht nur Märchen, sondern auch Monster?
Bettelheim: Ja, sie brauchen sie, weil sie ja selbst diese Ängste haben, und die werden dann externalisiert. Wenn man ein Bild davon hat, ist das weniger schreckenerregend, als wenn man kein Bild davon hat. Alles, was man beschreiben und benennen kann, wird dadurch in den eigenen Machtbereich einbezogen. Aber wenn man es nicht benennen kann, dann kann man es nicht bewältigen. Und da kommen wir auf die Sprache zurück. Die Sprache ist das Mittel, die Angst zu bewältigen.

Sie würden also einen Unterschied machen zwischen den Monstern, die im Fernsehen auftreten, und denen, mit denen die Kinder spielen können? Bettelheim: Ja, einen Unterschied zwischen den Monstern, die einen überwältigen und denen, die man selbst bewältigen kann. (Bettelheim 1987, S. 9, Auszüge)

Die negativen Auswirkungen von Gewaltspielzeug dürfen also nicht isoliert und überspitzt gesehen werden. Der Medienforscher Bernhard Schorb (1985) weist mit Recht darauf hin, dass nicht die Medien und Spielzeuge gewalttätig machen, sondern eine feindliche Umwelt und mangelnde Lebenschancen eine wichtige Rolle spielen. Welche Anteile die Medien zur Verstärkung und Verfestigung von Aggressivität haben, lässt sich nicht bestimmen. Wenn es auch keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewaltmedien und dem gewalttätigen Verhalten von Kindern gibt, so ist doch anzunehmen, dass sie ein Risikofaktor für gewalttätiges Verhalten sein können. In der Fachwelt spricht man von der dritten oder vierten Dosis, die dazu beiträgt, ein bestimmtes Verhalten anzubahnen oder zu stabilisieren (vgl. Kap. 3.5). Beate Weymann (o.J.) formuliert diesen Zusammenhang so: „Zur Aggression werden Kinder letztendlich durch die reale Gewalt in ihrem Lebensumfeld erzogen, Spielzeugwaffen sind weniger gewichtig. Familien, die nur Gewalt beim Problemlösen anwenden, können nicht erwarten, dass ihre Kinder lernen, Konflikte auf andere Art und Weise (mit Worten, Verhandlungen, Kompromissen) durchstehen. Die Gewalt und Feindseligkeit des gesamten sozialen Milieus spiegelt sich im Spielverhalten der Kinder wider. Derartige Kinder besitzen nicht genügend ‚Ich-Stärke‘. Außerdem sind sie nicht in der Lage, richtig zu spielen, d.h. sie trennen nicht Spiel und Realität. Ihr Alltag führt zu einem hohen Ausmaß an Aggressivität. Oder anders formuliert: Falls die Eltern miteinander und mit ihren Kindern pfleglich umgehen, hat das meistens zur Folge, dass auch die Kinder diese Umgangsweise nachahmen. Und so ist das Kriegsspiel für Psychologen ein aussagekräftiger Indikator für das Ausmaß an Angst und Aggressivität in dem jeweiligen Kind.“

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