Kommunikation

Grundfunktionen der Kommunikation

Das Ausloten von Macht und die Regulierung von Distanz und Nähe werden in der Sozialpsychologie als Grundfunktionen von Kommunikation gesehen (vgl. Wiemann/Giles 1990, S. 209-231). In vielen Kommunikationssituationen (also auch in Schule und Unterricht) versuchen die Schülerinnen und Schüler (aber natürlich auch die Lehrkräfte), die Kontrolle über die Situation und die anderen zu erlangen. Dies geschieht durch (bewusste oder unbewusste, verbale oder nonverbale) Beeinflussung der anderen. Solche Kontrollversuche können sich ausdrücken durch viel Reden, viel Fragen, wenig von sich Zeigen, direktem (demonstrativem) Blickkontakt, betont lockerer Haltung, starker Steuerung des Gesprächs, Unterbrechen des Gegenübers, abrupter Beendigung des Gesprächs usw.

Kommunikation als Gewaltprävention

Ein Rätsel Ein Mann wird von zwei Wachen in einem Raum gefangengehalten, der zwei Ausgänge hat. Beide Türen sind geschlossen, aber nur eine ist zugesperrt. Der Gefangene weiß ferner, dass einer seiner Wächter stets die Wahrheit sagt, der andere dagegen immer lügt. Welcher der beiden aber der Lügner ist, weiß er nicht. Seine Aufgabe, von deren Lösung seine Freilassung abhängt, besteht darin, durch eine einzige Frage an einen der beiden Wächter herauszufinden, welche der beiden Türen nicht versperrt ist. Wie muss diese Frage lauten?
Paul Watzlawik u. a.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern 2007. S. 53.

Hinweis: Sie können die Frage beantworten, wenn Sie die Unterscheidung zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekt bei der Kommunikation berücksichtigen. Die Lösung finden Sie weiter unten.

Auch soziale Sprachstile unterstützen solche Kontrollversuche: Ein großer und differenzierter Wortschatz, hohe Sprechgeschwindigkeit, gute Aussprache, sowie eine korrekte Hochsprache werden z.B. allgemein mit Kompetenz und hohem sozialen Status in Verbindung gebracht. Dies heißt auch, dass diese Merkmale bewusst zur Beeinflussung der anderen eingesetzt werden (können).

Die mit der Kommunikation verbundene Aufnahme sozialer Be­ziehungen hat immer auch eine Dimension von Nähe und Distanz, von Zuneigung und Ablehnung. Dies kommt u. a. durch Blickkontakt (oder Vermeidung von Blickkontakt), offene (oder geschlossene) Körperhaltung oder das Einbeziehen (oder Vermeiden) privater Themen zum Ausdruck.

Welches Maß an Nähe bzw. Distanz als „normal“ betrachtet wird, hängt dabei von der Art der Beziehung ab (Eltern – Kind, Lehrer – Schüler, Freund – Freundin, ...). Nähe drückt sich oft darin aus, einem anderen bewusst Informationen über sich selbst zur Verfügung zu stellen, die dem anderen normalerweise in dieser Situation nicht zur Verfügung stehen (z. B. durch Erzählen, Zimmer zeigen, Freunde vorstellen, ins Elternhaus mitnehmen etc.).

Diese Selbstenthüllung ist jedoch mit der Forderung nach angemessener Erwiderung verbunden. Die dahinterstehende Absicht ist, eine positive Wertschätzung für das eigene Selbst zu schaffen (vgl. Wiemann/Giles 1990, S. 214 ff.).

Die Lösung Der Mann deutet auf eine Tür und fragt eine Wache (wobei es gleichgültig ist, auf welche Tür er zeigt und welche Wache er fragt): „Wenn ich Ihren Kameraden fragen würde, ob diese Tür offen ist, was würde er sagen?“ Lautet die Antwort „nein“, so ist die Tür offen, wenn „ja“, so ist sie zugesperrt.
Paul Watzlawik u. a.:
Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern 2007, S. 53.

Grundlegende Axiome der Kommunikation

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawik hat Ende der 1960er Jahre grundlegende Eigenschaften von Kommunikation formuliert, die bis heute Grundlage für weiterführende Modelle sind (1988, S. 13-18):

  • Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren: Wer redet, teilt etwas mit, wer schweigt ebenfalls. Verhalten hat kein Gegenteil, man kann sich nicht „nicht“ verhalten. Auch wer sich zurück­zieht und nicht angesprochen werden möchte, vermittelt eine Botschaft, nämlich: „Ich möchte in Ruhe gelassen werden“.
  • Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt: Der Inhalt, das was gesagt wird, wird gewöhnlich mit Worten ausgedrückt. Gleichzeitig vermitteln jedoch das gesamte Ausdrucksverhalten, die Mimik, die Gestik und der Tonfall, wie das Gesagte aufgefasst werden soll. Der Inhaltsaspekt bezeichnet also das „Was“ der Kommunikation, der Beziehungsaspekt das „Wie“.
    Wenn die Inhalts- und Beziehungsaspekte mit ihren Botschaften nicht übereinstimmen, gibt es Störungen und Probleme. Häufig werden Beziehungsprobleme über Sachfragen ausgetragen. Die Hintergründe einer scheinbar sachlichen Auseinandersetzung
    können z.B. in einer ungeklärten (Konkurrenz-)Beziehung liegen.
  • Menschliche Kommunikation findet verbal und nonverbal statt: Wenn Menschen sich austauschen, so geschieht dies normalerweise über Sprache (Worte und Begriffe). Gleichzeitig drücken sie sich jedoch auch nonverbal durch ihre Mimik und Gestik, durch ihre Art zu sprechen, zu sitzen, zu gehen aus. Diese Ausdruckssprache ist unmittelbarer als die Begriffssprache mit Worten. Sie vermittelt vor allem Stimmungen und Gefühle.
  • Kommunikationsabläufe sind symmetrisch oder komplementär: Symmetrische Kommunikation ist Ausdruck eines Strebens nach Gleichheit. Komplementäre Kommunikation beruht dagegen auf Unterschieden. Das Verhalten der Partnerinnen und Partner ergänzt sich gegenseitig. Beide Seiten können und dürfen sich nicht auf der gleichen Ebene begegnen. Das Verhalten des einen ist also für den anderen nicht möglich. Lehrer-Schüler­Kommunikation ist häufig komplementär statt symmetrisch.

Die vier Seiten der Nachricht
Die vier Seiten der Nachricht

Auf den Einsichten von Watzlawik aufbauend formulierte Schultz von Thun sein bekanntes Kommunikationsmodell der vier Seiten der Nachricht: Jede Nachricht (Information, Kommunikation) bein­haltet neben der Inhalts- und Beziehungsseite noch zwei weitere wichtige Aspekte, die Selbstoffenbarung und den Appell (vgl. Schulz von Thun 2005). Die vier Seiten sind:

  • Der Sachinhalt: Zunächst beinhaltet eine Nachricht eine Sachinformation (Darstellung von Sachverhalten). Dies ist der auf ein Sachziel bezogene Austausch von Informationen und Argumen­ten, das Abwägen und Entscheiden.
  • Die Selbstoffenbarung: In jeder Nachricht stecken nicht nur Informationen über die mitgeteilten Sachinhalte, sondern auch Informationen über die Person, die spricht. Mit dem Begriff Selbstoffenbarung soll sowohl die gewollte Selbstdarstellung, als auch die unfreiwillige Selbstenthüllung eingeschlossen werden.
  • Die Beziehung: Aus jeder Nachricht geht hervor, wie der Sender zum Empfänger steht, was er von ihm hält. Oft zeigt sich dies in der gewählten Formulierung und im Tonfall und anderen nicht­sprachlichen Begleitsignalen. Für diese Seite der Nachricht ist der Empfänger besonders empfindlich; denn hier fühlt er sich als Person in bestimmter Weise behandelt (oder misshandelt).
  • Der Appell: Es wird kaum etwas nur so gesagt – fast alle Nach­richten haben den Zweck oder die tatsächliche Wirkung, auf den anderen Einfluss zu nehmen. Der Appell-Aspekt ist vom Beziehungsaspekt zu unterscheiden. Denn den gleichen Appell kann man ganz verschieden senden: der Empfänger kann sich vollwertig oder herabsetzend behandelt fühlen.
    Da alle vier Seiten immer gleichzeitig im Spiel sind, muss der „kommunikationsfähige Sender“ auch alle vier Seiten beherrschen. Einseitige Beherrschung stiftet Kommunikationsstörungen. So nützt es z.B. wenig, sachlich Recht zu haben, wenn man gleichzeitig auf der Beziehungsseite Unheil stiftet.

Die Sicht des Gegenübers
Betrachtet man die vier Seiten der Nachricht aus der Sicht des Gegenübers (Empfängers), so ist, je nachdem auf welcher Seite er/ sie hört, seine/ihre Empfangstätigkeit eine andere:

  • Man kann sich auf den Sachinhalt konzentrieren.
  • Man kann besonders auf die Selbstoffenbarungsseite achten und sich dabei fragen: „Was ist das für eine/einer?“.
  • Man kann die Aufmerksamkeit besondes auf die Beziehungsseite richten und der Frage nachgehen: „Wie steht der Sender zu mir?“.
  • Man kann die Appell-Seite auswerten. Hier ist die Fragestellung: „Wo will er/sie mich hinhaben?“.

Was zwischenmenschliche Kommunikation so kompliziert macht, ist: Der Empfänger hat prinzipiell die freie Auswahl, auf welche Seite der Nachricht er reagieren will.

Auch Schülerinnen und Schüler haben diese Wahl, „nur“ auf eine Seite der Nachricht zu hören. Wird im Unterricht nur und ausschließlich über Inhalte gesprochen, so wird man der Komplexität menschlicher Kommunikation nicht gerecht (vgl. Schulz von Thun 2005).

Zehn Kommunikationsfallen

  • Die eigene Wahrnehmung für die allein richtige halten.
  • Die falsche Wortwahl; Konventionen nicht beachten.
  • Selbstdarstellung statt Zuhören und Eingehen auf den anderen.
  • Anschuldigungen statt Selbstaussagen.
  • Inhalt und Beziehung stimmen nicht überein.
  • Stereotypen oder Vorurteile bestätigt sehen.
  • Kommunikation als Kampf um Selbstbehauptung erleben.
  • Immer Recht behalten müssen, immer das letzte Wort haben müssen.

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