Konstruktive Konfliktbearbeitung

Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention

Konflikte, die nicht oder unzureichend bearbeitet werden, können das Zusammenleben und das Klima in der Schule und darüber hinaus nachhaltig beeinträchtigen. Destruktiv ausgetragene Konflikte verursachen nicht nur menschliches Leid, sondern auch hohe Kosten, da sie ein normales Unterrichtsgeschehen stören, zu starken Einschränkungen bis hin zu Krankheiten führen können und Arbeitskapazität binden. Konflikte sind immer auch Hinweise auf Probleme und Schwierigkeiten und zeigen auf, wo (persönliche, or­ganisatorische und strukturelle) Entwicklungen notwendig sind. Konstruktive Konfliktbearbeitung leistet einen Beitrag zur Gewaltprävention, indem im Bereich der primären Prävention Basiskompetenzen eines anderen Umgangs mit Konflikten gelernt werden, im Bereich der sekundären Prävention z.B. durch Mediationsverfahren eine faire tragfähige Lösung erarbeitet wird, was eine (weitere) Eskalation verhindert und im Bereich der tertiären Prävention Möglichkeiten des Täter-Opfer-Ausgleichs und der Versöhnungsarbeit einem Rückfall in erneute Gewaltanwendung entgegenwirken können.

Konstruktive Konfliktbearbeitung stellt das einzig durchgängige gewaltpräventiv wirksame Konzept dar, das auf allen Ebenen (Individuum, Familie, Gruppe, Gesellschaft, international) ihre jeweils spezifische Ausformung gefunden hat und anwendbar ist.
Konstruktive Konfliktbearbeitung könnte sich bei entsprechender Qualifizierung, Implementation und Förderung zu einem alternativen Konfliktmanagement in der Schule und der gesamten Zivilgesellschaft entwickeln.

Die unmittelbare Teilhabe von Schülerinnen und Schülern an der Bearbeitung und Klärung der eigenen Angelegenheiten fördert gleichzeitig das Demokratieverständnis und das demokratische Engagement in einer Gesellschaft.

Konflikte und Verhalten in Konflikten
Konflikte sind Teil des menschlichen Zusammenlebens. Sie sind Ausdruck von unterschiedlichen Interessen, Vorstellungen, Zugriffsmöglichkeiten auf Ressourcen und Teilhabe an Macht. Nicht das Vorhandensein von Konflikten ist als problematisch oder gar friedensgefährdend einzustufen, sondern Gewalt fördernde Austra­gungsformen, die Unrecht weiterschreiben, einzelne Parteien übervorteilen, die auf Macht und einseitige Interessendurchsetzung ausgerichtet sind und davon ausgehen, dass nur eine Seite über die „Wahrheit“ und das „Recht“ verfüge.

Definitionen

  • Wir definieren Konflikt als eine Eigenschaft eines Systems, in dem es miteinander unvereinbare Zielvorstellungen gibt, so dass das Erreichen des einen Zieles das Erreichen des anderen ausschließen würde.
    Johan Galtung: Theorienzum Frieden. In: Dieter Senghaas (Hrsg.): Kritische Friedensforschung. Frankfurt 1972, S. 235.
  • Der Begriff des Konfliktes soll zunächst jede Beziehung von Elementen bezeichnen, die sich durch objektive (latente) oder subjektive (manifeste) Gegensätzlichkeiten kennzeichnen lässt.
    Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Freiheit. München 1963, S. 201.
  • Ein Konflikt ist ein Kampf um Werte und um Anrecht auf mangelnden Status, auf Macht und Mittel, ein Kampf, in dem einander zuwiderlaufende Interessen einander notwendig entweder neutralisieren oder verletzen oder ganz ausschalten.
    Lewis A. Coser: Theorie sozialer Konflikte. Neuwied und Berlin 1965, S. 8.

Was sind Konflikte?
Konflikte kann man spüren z.B. durch ein einengendes Körpergefühl oder gar Verkrampfungen. Konflikte kann man sehen z.B. an der Körperhaltung der Beteiligten. Konflikte kann man hören z.B. durch Lautstärke oder plötzliche Stille, durch Beschuldigungen und Anfeindungen oder einfaches Ignorieren und „übersehen“. Konflikte werden sichtbar z.B. bei Vorenthaltung von Informationen, Ausgrenzungen oder gar bei Verfolgung und Vertreibung.

Während im Alltag Konflikte häufig mit Streit, mit Interessensgegensätzen, mit Macht oder Gewaltanwendung gleichgesetzt werden, bezeichnet sie die Konfliktforschung als Unvereinbarkeiten im Denken, Fühlen und Wollen (Glasl 2004). Was als Konflikt bezeichnet wird, hängt von den gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen ab. Spillman (1991, S. 51) zeigt, dass das Konfliktverhalten vieler Menschen sich auf wenige Grundformen reduzieren lässt:

  • Kampf oder Flucht;
  • die Durchsetzung der eigenen Vorteile;
  • der Einsatz immer intensiverer Mittel;
  • Festhalten an der einmal eingenommenen Position, selbst wenn sich Misserfolge abzeichnen;
  • Verlust der Differenzierung auf allen Ebenen;
  • Erleben der Konflikte als Nullsummenspiele, die gewonnen werden müssen oder sonst verloren gehen;

Erleben der Konfliktsituationen als Bedrohung der Sicherheit. Werden Konflikte aber als Bedrohung erlebt, geht es um Sieg oder Niederlage. Der Gegner wird herabgesetzt, diskreditiert oder gar schikaniert, es werden vollendete Tatsachen geschaffen, Einschüch- terung und Drohungen gehören zur Konfliktstrategie. Verwirrung, Stress und Angst sind häufig Folgen, die damit verbunden sind, zumal nicht einmal vor der Androhung und dem Einsatz von Gewalt zurückgeschreckt wird. Die Zerstörung des weiteren Zusammenlebens ist oft die Konsequenz. Ein solches Verhalten kann als Konflikteskalation beschrieben werden.

Konflikteskalation
Konflikte, die nicht oder unzureichend bearbeitet werden, können zu einer gewollten oder ungewollten „Steigerung“ in Bezug auf ihr Ausmaß und die eingesetzten Mittel führen. Diese Intensivierung der Auseinandersetzung bis hin zur Anwendung physischer Gewalt ist als Kennzeichen für die Eskalation von Konflikten anzusehen. „Konflikte beeinträchtigen unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unser Denk- und Vorstellungsleben so sehr“, so Friedrich Glasl, „dass wir im Lauf der Ereignisse die Dinge in uns und um uns herum nicht mehr richtig sehen. Es ist so, als würde sich unser Auge immer mehr trüben; unsere Sicht auf uns und die gegnerischen Menschen im Konflikt, auf die Probleme und Geschehnisse wird geschmälert, verzerrt und völlig einseitig. Unser Denk- und Vorstellungsleben folgt Zwängen, deren wir uns nicht hinreichend bewusst sind. (2004, S. 34).

Das eigentliche Problem von Konflikten liegt also in der permanenten Gefahr ihrer Eskalation, was dazu führt, dass bei der Austragung immer mehr auf Macht- und Gewaltstrategien gesetzt wird. Der Konflikt wird so immer schwerer steuerbar, bis er schließlich außer Kontrolle gerät, die Schwelle der Gewalt überschreitet und damit Zerstörung und Leiden verursacht.

Konfliktlösungsmöglichkeit

Die Eskalation von Konflikten ist also gefährlich, weil

  • Konflikte außer Kontrolle geraten können;
  • immer weniger Handlungsalternativen zur Verfügung stehen;
  • Gewalt als Handlungsmöglichkeit zunehmend einbezogen und angewandt wird;
  • nicht mehr gemeinsame Lösungen, sondern Sieg oder Niederlage des Gegners im Vordergrund stehen;
  • Emotionen die überhand gewinnen;
  • Zerstörung und Vernichtung zum leitenden Handlungsziel werden.

Glasl (2004) hat diese Dynamik anschaulich mit den neun Stufen der Konflikteskalation beschrieben, die von Verhärtung, Polarisation, vollendete Tatsachen schaffen über Gesichtsverlust, Droh­strategien und begrenzte Vernichtungsschläge bis zur totalen Konfrontation ohne einen Weg zurück reichen (vgl. M11).

Findet also eine spezifische Art von Gewaltanwendung als Ergebnis eskalierender Konflikte statt, so bedeutet Gewaltprävention hier, die Eskalation von Konflikten zu verhindern, bzw. bereits eskalierte Konflikte so zu bearbeiten, dass sie nicht weiter eskalieren und in konstruktive Formen der Bearbeitung transformiert werden.

Eine zentrale Aufgabe im Rahmen einer konstruktiven Konfliktbearbeitung ist es deshalb, einer Konflikteskalation Stufen der Deeskalation gegenüberzustellen, Antworten und Handlungsmöglichkeiten auf jeder Stufe zu finden, die Gewalt zu begrenzen oder ganz auszuschließen, sowie auf Kooperation und Verhand­lungslösungen abzuzielen.

Zwei Arten von Streit Im 7. Jahrhundert vor Christus unterschied der Grieche Hesiod in einem Gedicht zwei Arten von Streit: einen guten und einen bösen. Der böse Streit ist kulturzerstörend, da er die Grundlagen der Sitte und Verständigung vernichtet. „Er mehrt nämlich den Krieg, den bösen, mehret den Hader, kein Mensch hat ihn gern.“

Der gute Streit ist das Gegenteil davon. Er ist nicht nur kulturfördernd, er ist sogar der eigentliche Motor der Kultur: „Der Streit ist gut für den Menschen“, schreibt Hesiod.

Bleiben beim „guten Streit“ die Gegenspieler im Rahmen einer gemeinsamen Ordnung, d.h. sie sehen einander als Rivalen, kündigen sie im „bösen“ Streit die Gemein­samkeit auf und zerstören sie, sie stehen sich hier als Feinde gegenüber.
Aleida und Jan Assam in: Aleida Assmann/Dietrich Harth (Hrsg.): Kultur und Konflikt. Frankfurt/M. 1990.

Konfliktfähigkeit

Situationen und Gründe für Gruppenkonflikte

  • Besetzen und Verteidigen von Sozialräumen.
  • Besitz und Verteidigung begehrter Gegenstände.
  • Wettstreit um das Erreichen von Zielen, Preisen usw. (auch auf Kosten anderer).
  • Rivalisieren um Partner und Partnerbindung.
  • Verteidigung von Gruppenmitgliedern und Sozialpartnern.
  • Streben nach Anerkennung, Rang und Einfluss in Gruppen entsprechend der Gruppennormen.
  • Anfeuerung der Kampfbereitschaft durch Gruppenmitglieder.
  • Austesten von Toleranzgrenzen und von Stärken und Schwächen der Partner.

Vgl. Lothar R. Martin: Gewalt in Schule und Erziehung: Grundformen der Prävention und Intervention. Bad Heilbrunn/Obb. 1999, S. 33 ff., Auszüge.

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